Der Makel fährt mit - Als Migrant bei der Polizei

Donnerstag 23 September 2059 12346 Teilen

Der Makel fährt mit - Als Migrant bei der Polizei

Sahin Aytekin wurde 1993 in Freiburg geboren. Seine Familie kam 1961 aus der Türkei nach Deutschland und stellt hier nun mittlerweile die dritte Generation. Sahin besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Als er 2011 seinen Berufswunsch der Familie offenbarte, war diese nicht sehr glücklich darüber. Sahin entschied sich, zur Polizei Baden-Württemberg zu gehen. Insbesondere sein Vater war sehr erzürnt über seine Berufswahl, wie er erzählt: "Ich weiß noch damals, als ich vom Informationstag unserer Schule zurück kam, an dem es auch einen Stand der Polizei gab und ich mich überzeugen ließ, meinem Herzenswunsch nachzugeben. Er sagte mir, dass ich ein Verräter sei und und genau wisse, dass man mich dort nicht haben will und gerade in der Polizei der Fremdenhass am größten sei."

Trotz dem sich anbahnenden Bruch innerhalb der Familie entschied sich Sahin für die Polizei in dem Glauben, für Recht und Ordnung einstehen zu können. In seiner Jugend hatte er oftmals schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, schrieb sich oder seinen Freunden jedoch meist die Schuld zu. In dieser, wie er selbst sagt naiven Ansicht entschloss er sich, zur Polizei zu gehen. Vielleicht auch als eine Art Aufarbeitung von damaligen Erlebnissen, welche heute ebenfalls aktueller denn je sind.

Bereits in der Ausbildung wurde er auf Grund seines Aussehens von Lehrkräften schikaniert: "Es war bei der Uniform-Anprobe als ich hörte, wie einer der Lehrer nach mir rief. Er zitierte mich zu sich und weiteren Kollegen, die um ihn standen. Mehrere meiner Mitschüler waren auch noch anwesend als er zu mir sagte, dass ich mir meinen "Kanackenbart" doch bitte entfernen soll, da ich mehr wie unser Feind als wie ein Kollege und Freund aussehen würde."

Hier stellt sich die Frage von wem die Polizei, unser sogenannter Freund und Helfer, als Feind genau spricht? Dies sollte nur eines von vielen Erlebnissen sein, in denen Sahin sich mit diskriminierenden und herabwürdigenden Kommentaren seiner vermeintlichen Kollegen auseinandersetzen muss. Es sollten etliche Folgen.

Sahin beendet im Jahre 2013 seine Ausbildung und beginnt seine Arbeit daraufhin im Streifendienst. Nach einem regelrechten Martyrium erhofft er sich nun Besserung, doch die Realität stellt sich anders dar: "Ich musste des Öfteren mit ansehen, wie wir Menschen lediglich auf Grund ihrer Hautfarbe kontrolliert haben. Viele Male kontrollierte ich dann einfach mit, da ich unter den Kollegen nicht auffallen wollte. Später, nach dem Dienst und mit viel Bier intus wurden dann Späße darüber gemacht, wenn man es mal wieder geschafft hatte, zu provozieren, bis es zu einem körperlichen Widerstand kam und man dem "Dreckspack" auch endlich eine Abreibung geben konnte. Es war unerträglich."

Wenn man der Polizei und ihrer medialen Darstellung der Institution Glauben schenken will, dann ist sie stets neutral, bürgerorientiert und deeskalativ.
Des Weiteren berichtete uns Sahin, dass man insbesondere Beamte mit Migrationshintergrund für sogenannte Fotoshootings verpflichtete. Dies war zu der Zeit, als das Thema der Polizeigewalt in der öffentlichen Debatte an Fahrt aufnahm. Man recherchierte geeignete Migranten, die dem erwünschten Erscheinungsbild entsprachen, in der eigenen Institution und instrumentalisierte sie förmlich, um in der öffentlichen Wahrnehmung als tolerante Institution zu wirken.
Ist das unsere Polizei? Ein Sammelbecken aus intoleranten Opportunisten, denen die Fassade mehr wert ist als die Substanz und der Erhalt freiheitlich-demokratischer Werte? Ein Perpetuum-Mobile produzierenden Fremdenhasses, das systematisch diskriminiert und Menschen nur auf Grund ihrer Ethnie kontrolliert und schikaniert? Die sich unabhängigen Studien bereits in höchster Instanz verweigert und kategorisch eine Problematik mit strukturellem Rassismus in ihrer Institution verneint?

Dass die Institution Polizei mit Kritik, und sei sie bloß satirischer Natur, nicht im geringsten umgehen kann, zeigt die dilettantische Reaktion auf den in der "taz" erschienenen Artikel.
Auch hier wurde versucht, mittels immer häufiger verwendeteter "Cancel-Culture" konstruktive Kritik in satirischer Form zu unterminieren. Eine renommierte Autorin wurde auf das Übelste diffamiert, Kritik im Keim erstickt und der Polizei ein per se eine weiße Weste von höchster Stelle attestiert.

Nach diesem Artikel veränderte sich für Sahin alles. Nachdem er den Artikel im Umfeld seiner Kollegen befürwortete begann das Mobbing. "Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Einige Kollegen diskutierten bei einer Besprechung über diesen Artikel. Ich hab nur gefragt, was sie daran so schlimm finden würden. Immerhin hat die Autorin nur ihre Meinung gesagt und in vielen Dingen Recht. Sie deswegen auf das Übelste zu beschimpfen, fand ich einfach nicht in Ordnung. Von diesem Zeitpunkt an wurde ich von allen gemieden- man nannte mich nur noch "Zecke" oder "Sucuk" und ich konnte das einfach nicht mehr ertragen und wegschauen."

Sahin beendete seine unrühmliche Laufbahn bei der Polizei kurz danach. Er denkt oft daran, wie ihm sein Vater damals davon abriet, zur Polizei zu gehen und bereut seine damalige Entscheidung. Die Familie überlegt nun, zurück in die Türkei zu ziehen, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlt und sie Angst hat, dass Sahin etwas zustoßen könnte, nachdem er sich bereit erklärte, mit uns über die Vorfälle in seiner Zeit bei der Polizei zu sprechen. Sie fühle sich dort eher geschützt, heißt es lediglich. Was für ein Land ist nur aus uns geworden?

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